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AGG / MWDWTH | Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, m/w/d – what the hell?

AGG / MWD / WTH | Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, m/w/d – what the hell? 1

Es bleibt kompliziert: Über geschlechterneutrale Stellenausschreibungen und deren gesetzliche Grundlagen im Bezug zum AGG (Allgemeines Gleichstellungsgesetz)

Wie ver­fasst man eine geschlech­ter­neu­tra­le Stel­len­an­zei­ge? Und wel­che Not­wen­dig­keit besteht über­haupt, sich damit zu befas­sen? Ist es gesetz­lich wirk­lich vor­ge­schrie­ben, die Posi­ti­ons­an­ga­be in einer Stel­len­an­zei­ge durch Anga­ben wie „m/w/d“ zu ergän­zen? In die­sem Bei­trag erklä­re ich Ihnen, was Sie beach­ten müs­sen, wenn Sie Scha­den­er­satz­kla­gen oder Buß­gel­der auf­grund feh­ler­haft for­mu­lier­ter Stel­len­an­zei­gen ver­mei­den wol­len.

Alte Debatte neu entfacht: formale Neutralität in Stellenanzeigen berücksichtigen

Wer einen unkla­ren Bezie­hungs­sta­tus auf Face­book tei­len möch­te, hat dafür in drei kur­zen Wor­ten die Mög­lich­keit: „Es ist kom­pli­ziert.“ Zu der­sel­ben Aus­sa­ge gelangt, wer sich dar­über Gedan­ken macht, ob es wirk­lich eine Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en oder „Diver­sen“ dar­stellt, wenn in einer Stel­len­an­zei­ge aus­schließ­lich das soge­nann­te „gene­ri­sche Mas­ku­li­num“ ver­wen­det wird. Wenn also ganz schlicht nach einem Bus­fah­rer gesucht wird und nicht nach

  • einem/einer Busfahrer/in oder
  • einem Bus­fah­rer (m/w).

Die ohne­hin strit­ti­ge Fra­ge, ob Unter­neh­men ver­pflich­tet sein soll­ten, eine Sprach­form zu akzep­tie­ren, die im Deut­schen eigent­lich kei­ne all­ge­mein akzep­tier­te Norm dar­stellt, ob sie also stets männ­li­che und weib­li­che Bewer­ber expli­zit anspre­chen müs­sen, ist seit Janu­ar 2019 noch ein­mal kräf­tig ange­heizt wor­den. Seit­dem näm­lich emp­feh­len Per­so­nal­be­ra­ter Unter­neh­men zumeist, nun auch das „drit­te Geschlecht“ in der Stel­len­be­schrei­bung zu erwäh­nen. Die müss­te dem­zu­fol­ge dann bei­spiels­wei­se so aus­se­hen:

  • Gesucht wird ein Bus­fah­rer (m/w/d). Oder gar so
  • Gesucht wird Bus­fahrX.

Dabei steht „m“ für männ­lich, „w“ für weib­lich und „d“ für divers, also für Men­schen, die sich nicht ein­deu­tig als männ­lich oder weib­lich ein­ord­nen las­sen. Doch ganz so ein­deu­tig sind die Geset­ze eben nicht. Für Ihre Stel­len­an­zei­ge gilt daher: Sie müs­sen die­se Zusät­ze nicht zwangs­läu­fig auf­neh­men. Sie müs­sen auch nicht auf Teu­fel komm raus „gen­dern“.

Sie dür­fen ledig­lich nicht den Ein­druck erzeu­gen, dass Sie bevor­zugt einen Mann, eine Frau oder eine Per­son ein­stel­len wol­len, die sich der Grup­pe „divers“ zuord­net. So jeden­falls for­mu­liert es das Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (GBlG), das vor­sieht, dass Stel­len­aus­schrei­bun­gen geschlech­ter­neu­tral zu ver­fas­sen sind und die Zuwi­der­hand­lung mit einem Buß­geld geahn­det wird.

Worum es eigentlich geht: Sensibilisierung und Ungleichbehandlung

Natür­lich weiß auch der Gesetz­ge­ber, dass durch eine sol­che Ver­pflich­tung zur sprach­li­chen Neu­tra­li­tät nie­man­dem wirk­lich gehol­fen ist. Tat­säch­lich wer­den durch Lip­pen­be­kennt­nis­se kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung und kei­ne Ungleich­be­hand­lung ver­mie­den, es kann und soll ledig­lich „sen­si­bi­li­siert“ wer­den.

Auch wider­spricht die Auf­fas­sung, was den Geschlech­tern sprach­lich gerecht wer­de, viel­fach dem, was all­ge­mei­ne gesell­schaft­li­che Akzep­tanz fin­det. Zudem führt gera­de die Beto­nung der Geschlecht­lich­keit absur­der­wei­se dazu, dass in einer Stel­len­an­zei­ge Eigen­schaf­ten genannt wer­den müs­sen, die für die Posi­ti­on selbst irrele­vant sein sol­len.

Dar­über hin­aus ver­schlei­ert die For­de­rung nach geschlechts­neu­tra­ler Spra­che, dass es im Grun­de nicht um Bezeich­nun­gen, son­dern um hand­fes­te Benach­tei­li­gung gehen soll­te. So heißt es in § 3 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG):

(1) Eine unmit­tel­ba­re Benach­tei­li­gung liegt vor, wenn eine Per­son wegen eines in § 1 genann­ten Grun­des eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt, als eine ande­re Per­son in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on erfährt, erfah­ren hat oder erfah­ren wür­de. Eine unmit­tel­ba­re Benach­tei­li­gung wegen des Geschlechts liegt in Bezug auf § 2 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 auch im Fal­le einer ungüns­ti­ge­ren Behand­lung einer Frau wegen Schwan­ger­schaft oder Mut­ter­schaft vor.“

Doch all die­se Beden­ken und Ein­las­sun­gen hel­fen Ihnen nicht wirk­lich wei­ter. Fakt ist, Sie müs­sen es ver­mei­den, den Ein­druck zu erwe­cken, dass Sie Bewer­ber oder Bewer­be­rin­nen ohne das Vor­han­den­sein aner­kann­ter Grün­de auf­grund ihres Geschlech­tes bevor­zu­gen oder benach­tei­li­gen.

Ein Lichtblick im Chaos: geschlechterneutrale Sprache muss nicht im Gendern enden

Müs­sen Sie also in den sau­ren Apfel bei­ßen und in künf­ti­gen Stel­len­an­zei­gen von der ers­ten bis zur letz­ten Zei­le gen­dern? Zum Glück nicht. Zwar urteil­te das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he 2011, dass der Begriff „Geschäfts­füh­rer“ in einer Stel­len­an­zei­ge „ohne wei­te­re Zusät­ze kei­ne geschlechts­neu­tra­le, son­dern eine männ­li­che Berufs­be­zeich­nung“ aus­drü­cke (OLG Karls­ru­he, Urteil vom 13.09.2011 – 17 U 99/10).

Doch liegt die Beto­nung hier eben auf „ohne wei­te­re Zusät­ze“. Eine ähn­li­che Auf­fas­sung liegt einem Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Frank­furt zugrun­de, das besagt, dass eine „mas­ku­li­ne Posi­ti­ons­be­zeich­nung“ in der Über­schrift einer Stel­len­an­zei­ge kei­ne Benach­tei­li­gung dar­stellt, wenn im wei­te­ren Text nicht zu über­se­hen und durch Fett­druck her­vor­ge­ho­ben ‚Hin­wei­se für Bewerber/innen‘ steht“ (LAG Frank­furt, Urteil vom 03.02.2009 – 12 Sa 28/08).

Alles in allem zählt also immer der Gesamt­ein­druck, den Ihre Stel­len­an­zei­ge ver­mit­telt oder, wie der Gesetz­ge­ber es aus­drückt, das „Moti­va­ti­ons­bün­del“. Den­noch zögern vie­le Unter­neh­men, auf das umfang­rei­che und umständ­li­che Gen­dern zu ver­zich­ten, da sie fürch­ten, dass sie zumin­dest einen Image­scha­den erlei­den könn­ten, wenn sie sich dem sprach­li­chen Zeit­geist wider­set­zen.

Mein Tipp: lebendige Stellenanzeigen brauchen keine nervtötenden Vorgaben

Was also tun? Mei­ner per­sön­li­chen Mei­nung nach hat die Anga­be m/w/d in Stel­len­an­zei­gen gene­rell nichts zu suchen, da die gesetz­li­chen Vor­ga­ben ohne­hin klar sind. Ledig­lich dort, wo eine erlaub­te Form der Dis­kri­mi­nie­rung vor­liegt, soll­te dar­auf auch aus­drück­lich hin­ge­wie­sen wer­den. Die For­de­rung nach einer geschlech­ter­ge­rech­ten Spra­che ver­liert zudem ihren Sinn, wo wir aner­ken­nen, dass es auch von den klas­si­schen Geschlech­tern abwei­chen­de Per­sön­lich­keits­merk­ma­le gibt. Mein per­sön­li­cher Rat, der natür­lich nicht den Wert einer juris­ti­schen Bera­tung hat, lau­tet daher:

Erfül­len Sie die for­ma­len Vor­ga­ben, indem Sie deut­lich wer­den las­sen, dass es Ihnen letzt­lich nicht dar­auf ankommt, ob sich Männ­lein, Weib­lein oder Diver­se bewer­ben, son­dern dass Sie fähi­ge Mit­ar­bei­ter mit den gewünsch­ten Kon­di­tio­nen suchen. Wäh­len Sie eine leben­di­ge Spra­che, ver­fas­sen Sie moti­vier­te und moti­vie­ren­de Tex­te, die zur Sache kom­men und von hoher Aus­sa­ge­kraft sind. Ob Sie dann ein „m/w/d“ hin­ter die Posi­ti­ons­be­zeich­nung set­zen oder einen flot­ten Spruch ans Ende Ihrer Stel­len­an­zei­ge, ob Sie die Sache ernst oder humor­voll ange­hen, bleibt Ihnen über­las­sen.

Denn letzt­lich sind es ohne­hin nicht nur die Berufs­be­zeich­nun­gen, die dar­über ent­schei­den, ob Sie mit Ihrer Anzei­ge eher Frau­en, Män­ner oder Ver­tre­ter aller Geschlech­ter anspre­chen. Zahl­rei­che Stu­di­en wei­sen dar­auf hin, dass schon die Aus­wahl der per­sön­li­chen Attri­bu­te, die ein Stel­len­be­wer­ber mit­brin­gen soll­te, dar­über ent­schei­den, ob sich eher Frau­en oder Män­ner ange­spro­chen füh­len.

So betrach­ten sich Frau­en bei­spiels­wei­se eher als enga­giert, Män­ner als durch­set­zungs­fä­hig. Wie der Gesetz­ge­ber in Zukunft mit sol­chen Stu­di­en­ergeb­nis­sen umgeht, ob es offi­zi­ell noch erlaubt sein wird, dass sich Män­ner, Frau­en und Diver­se selbst als unter­schied­lich begrei­fen und beschrei­ben, wird sich zei­gen. Oder anders gesagt: Es bleibt kom­pli­ziert. Machen wir das Bes­te dar­aus durch Stel­len­an­zei­gen, die alle Qua­li­fi­zier­ten glei­cher­ma­ßen begeis­tern.

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